Valentin Tomberg

(1900-1973)

NACHWORT DES HERAUSGEBERS

Valentin Tomberg wurde am 27. Februar 1900 als zweiter Sohn eines höheren Beamten in St. Petersburg geboren. Dort besuchte er das humanistische Gymnasium und studierte drei Semester lang Geschichte und Philosophie. Obwohl evangelisch erzogen, kam er früh auch mit der russisch-orthodoxen Geisteswelt und mit den theosophischen Strömungen in Berührung. Den glücklichen Jahren seiner Jugend setzte die Revolution, während der seine Mutter von umherstreifenden Banden auf der Straße erschossen wurde, ein Ende. Er ging ins Exil nach Reval in Estland, wo er sich zunächst als Landarbeiter, Pharmazeut, Künstler und Lehrer durchschlug, während er gleichzeitig an der Tartu-Universität vergleichende Religionswissenschaften, sowie mehrere alte und neue Sprachen studierte und die Grundlagen für seine profunde Universalbildung legte. Seit 1924 entlastete ihn eine Beamtenstelle an der estnischen Generaldirektion der Post von den äußeren Lebenssorgen und ermöglichte ihm später den Besitz einer kleinen Datscha in der Nähe Revals. In jenen Jahren arbeitete er sich so gründlich und überzeugend in das Werk Rudolf Steiners ein, dass der deutschsprachige Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft Estlands den 25jährigen zu ihrem Vorsitzenden wählte. Oft hat es bedauert, dass er Rudolf Steiner, der 1925 starb, im Leben nie begegnet ist. Erst in der zweiten Hälfte der 20er Jahre wurden ihm erste Reisen nach Finnland, Deutschland und Frankreich möglich.

Von 1930 an veröffentlichte er zahlreiche Aufsätze in anthroposophischen Zeitschriften. Zwischen 1933 und 1938 erschien, als Manuskript gedruckt, sein Hauptwerk: je zwölf anthroposophische Betrachtungen über das Alte und das Neue Testament. Zwölf weitere Betrachtungen über die Apokalypse und damit über die Zukunft der Menschheit hat Tomberg zwar als Vorträge gehalten, doch sind nur drei davon erschienen, dann brach Tomberg die Arbeit daran ab. In den gleichen Jahren er schienen drei Werke über die „Grundsteinmeditation” Rudolf Steiners. Über das Erscheinen Christi im Ätherischen und über die Innere, Entwicklung des Menschen. In immer neuen Varianten ging es ihm vor allem darum, Christus ins Zentrum der Anthroposophie zu rücken, die Liebe zu ihm zu wecken oder zu vertiefen, in Erdenleben, Tod und Auferstehung Christi den Wendepunkt der Weltgeschichte zu erkennen, um daraus zur moralischen Verantwortung gegenüber dem dreieinigen Gott zu finden. Viele, die damals aufhorchten, berichten, wie unendlich viel sie ihm verdanken.

Doch die offizielle Anthroposophische Gesellschaft sah ihre Aufgabe in erster Linie in der Pflege und Weiterführung des Erbes Rudolf Steiners, die holländische Gesellschaft überdies mehr in praktisch-sozialer Arbeit als in der Christosophie. Zwar hatten ihm holländische Freunde die Übersiedlung in die Niederlande ermöglicht und sie ihm zu einer neuen Heimat gemacht, doch als der damalige Vorsitzende der hollänischen Gesellschaft Tomberg zum Austritt aufforderte, wandte er sich von der Anthroposophischen Gesellschaft ab, niemals freilich von Rudolf Steiner, dem er (und der aus der jenseitigen Welt ihm) immer in innigster Geistgemeinschaft verbunden blieb. Er hat aber auch der praktischen Arbeit der Anthroposophen, insbesondere im pädagogischen, heilpädagogischen, medizinischen und landwirtschaftlichen Bereich, bis zuletzt gerechte Anerkennung gezollt.

In den Jahren des Krieges und der deutschen Besetzung hielt sich VaIentin Tomberg mit Frau und Sohn, nur von privatem Sprachunterricht lebend, in Amsterdam vor den Nazis verborgen – umgeben von einem kleinen Kreis treuer Freunde, die er in einem jahrelang währenden Kursus anhand des „Vaterunsers‘ immer tiefer in die Mysterien des Christentums einführte. In jenen Jahren verband er sich zunächst mit der orthodoxen Kirche. Doch gegen Ende des Krieges war sein Entschluss gereift: Im Internierungslager für „Displaced persons‘ trat er der katholischen Kirche bei.

Er hielt es für einen folgenschweren Irrtum, die katholische Kirche immer nur als Institution der Bevormundung des freien Geisteslebens oder gar der Inquisition und Religionsverfolgung zu sehen und sie so mit ihrem „Doppelgänger” oder „Egregor” zu verwechseln, der jede Intuition begleitet. Er hatte gelernt, die hiervon zu unterscheidender wahrer, eigentlicher Kirche zu lieben, und er besaß die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass diese unter dem verwandelnden Eindruck ihrer Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus auch im Äußeren viel deutlicher in Erscheinung getreten war.

Die Wurzel seiner Konversion lag nicht in persönlichen Motiven, sondern in Christusliebe und Weltverantwortung. Manche seiner früheren Freunde haben gefragt, ob ein so großer Geist nicht seine Freiheit durch die Einordnung in die Kirche einbüße. Seine persönliche Erfahrung hat diese Befürchtung seiner Freunde nicht bestätigt. Er verstand unter geistiger Freiheit, dass sich der Mensch dem objektiv Wahren und Guten ‚ohne jede Trübung durch subjektive Sympathie oder Antipathie öffnet und es in sein ewiges Ich aufnimmt. In diesem Sinne konnte er auch als Katholik seine Freiheit und Identität bewahren. Denn der Kern dessen, was sich ihm aus eigener Einsicht als Wahrheit ergeben hatte, ist eben die Botschaft, die die Kirche in die ganze Welt trägt und der er dient, indem sie die überlieferten Mysterien von Generation zu Generation weitergibt, Sakramente spendet, das liturgische Kirchenjahr feiert, predigt und segnet und sich ohne Geisteshochmut auch den einfachen Menschen in aller Welt zuwendet: Gebildete und Ungebildete vereinen sich hier in der Anbetung des dreifaltigen Gottes, in der Verehrung der Heiligen, im Singen unserer Weihnachtslieder, die Tomberg so sehr liebte.

Wer im Geiste ernster Wahrheitssuche nach den tieferen Gründen für seine Konversion fragt, für den leuchten sie aus seinem Werk selbst zur Genüge hervor.

In den Jahren nach dem Kriege hielt er Vorträge in mehreren Städten des Rheinlandes. Frühere Hörer erinnern sich mit großem Enthusiasmus, wie er u.a. den tiefen Sinn des Rosenkranzgebetes erkläre. – Daneben verarbeite er die politischen Erfahrungen der Nazizeit in zwei rechtsphilosophischen Schriften: „Degeneration und Regeneration der Rechtswissenschaften“ und „Die Grundlagen des Völkerrechts als Menschheitsrecht“. Die Kölner Juristische Fakultät verlieh ihm den Doktorgrad. In der Stadt Mülheim/Ruhr wurde ihm die Verantwortung für den Wiederaufbau der Volkshochschule überragen. 1948 vermittelten ihm englische Freunde eine Lebensstellung bei der BBC, zu der ihn nicht nur seine Sprachkenntnisse, sondern auch politischer Überblick (und Urteilskräfte) befähigen. Er lebte zunächst in London, später in einem im Grünen gelegenen Häuschen in Reading an der Themse, wo ihm die Universitätsbibliothek für seine abendlichen Studien zur Verfügung stand. Er nutzte die früheste Möglichkeit zur Pensionierung, um sich ganz seinen Manuskripten zu widmen. Seine aus einer polnisch-französischen Familie stammende Frau war ihm dabei nicht nur eine verständnisvolle Wegbegleiterin, sondern in vielem auch eine kongeniale Mitarbeiterin. Die tiefe geistige Gemeinschaft mit ihr war ihm in seinem äußerlich beschwerlichen, von Verkennung und Vereinsamung gezeichneten Leben eine ständige Quelle menschlichen Glücks.

Ein Wort über meine persönliche Begegnung mit Valentin Tomberg, die ich als Anthroposoph und Katholik lange Zeit vergeblich gesucht hatte und die sich durch sehr eigentümlich gefügte Umstände ergab: Ich hatte zwar in Erfahrung gebracht, dass er mit dem emeritierten Kölner Staatsrechtler Ernst von Hippel befreundet war und dass dieser mir vielleicht den Zugang zu ihm vermitteln könnte, doch gelang es mir nicht, von Hippels Bekanntschaft zu machen, bis ich im Jahre 1967 überraschenderweise zu seinem Nachfolger berufen und dann Tomberg vorgestellt wurde. In seinen letzten Lebensjahren war mir Valentin Tomberg nicht nur ein Lehrer, sondern auch ein väterlicher Freund von unglaublicher Herzlichkeit und Zuwendung, In seinen Gesprächen wechselte tiefster Ernst mit gelöster Heiterkeit, Witz und Humor. Nie habe ich etwas anderes erlebt als Güte, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit des Urteils, Klarheit des ganzen Wesens. Jede Begegnung, jeder Brief, jedes Telefonat hatte etwas Erfrischendes, Stärkendes, Regenerierendes.

Aus meiner Kenntnis seines Lebens und Denkens möchte ich nur zwei Dinge hervorheben: Seine „soziale“ Aktivität bestand vor allem in dem Bemühen, in ausgedehnte täglicher und nächtlicher Gebetsarbeit zahlreichen Verstorbenen im „Purgatorium” praktische Hilfe zu bringen. Immer wieder betonte er als besonders wichtig, dass man den „Himmel“ nicht als abstraktes Prinzip verstehen dürfe. Er sei vielmehr als das göttliche Milieu“ (Teilhard de Chardin) zugleich die von konkretem Leben erfüllte Gegenwart von Engeln und anderen personalen Wesen, die einen Namen tragen, die Eigenschaften haben, die wirken und leiden und am großen Drama der Weltgeschichte teilnehmen. Von Gott sprach er meist als dem „Vater”, von Gottes Sohn als dem „Meister“, ihnen wollte er vollkommen gehorsam sein. Bei einem Besuch in der Weihnachtszeit 1972 überbrachte er mir verschiedene Manuskripte, darunter die ersten drei der hier veröffentlichten, ferner seine geistlichen Tagebücher und andere Aufzeichnungen und vertraute mir die Sorge für seinen literarischen Nachlass an. Es war, als ahnte er, obschon gesund, seinen bevorstehenden Tod, jedenfalls war es unsere letzte Begegnung. Wenige Wochen später traf ihn ein Gehirnschlag. Er starb am 24. Februar 1973. Der Tod ereilte seine Frau kurze Zeit darauf, wie er es mir auf die Frage nach seinen Altersplänen einmal mit großer Bestimmtheit vorausgesagt hatte. In seinem Nachlass fand sich das Fragment, das wir als viertes Werk aufnehmen.

Die drei Manuskripte sollte ich veröffentlichen, wenn die Zeit dafür reif sei, was „nicht vor Ablauf von zehn Jahren der Fall sein werde”.

Ich habe mich vor der Versuchung gehütet, schwierige, provozierende, der ausführlichen Erläuterung bedürfende Passagen zu kürzen oder zu „entschärfen“. Lieber bitte ich den Leser, Valentin Tomberg auch dort das Vertrauen nicht zu entziehen, wo ihm zweifelnde Fragen bleiben. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich zweierlei versichern: Wichtiger als die überzeugende Wirkung war ihm die Achtung vor der geistigen und moralischen Freiheit und Eigenständigkeit des anderen, den er mit seinen Bedenken und Einwänden stets ernstgenommen hat. Zum anderen: Fragen veranlassten ihn oft zu ausführlichen Antworten, die das auf den ersten Blick Anstößige in ganz neuem Licht erscheinen ließen und auf überraschende Weise begreiflich machten. Die Bearbeitungen, Kürzungen und Umstellungen beschränken sich deshalb auf sprachliche und sachliche Korrekturen, bei denen ich gewiss sein kann, dass Tomberg seine Zustimmung ereilt hätte, Hierbei war die Mitarbeit von Frau Dr. Gertrude Sartory besonders hilfreich und dankenswert.

Ich habe gewagt, der ersten und dritten Schrift einen griffigeren, der zweiten einen treffenderen Titel zu geben. In den Manuskripten lauten die Überschriften: „Das Wunder der Auferweckung das Lazarus in der Weltgeschichte“; „Die zehn Gebote (Der Dekalog)”, „Das Reich der Natur, das Reich des Menschen und das Reich Gottes [Eine Betrachtung über die natürliche, die menschliche und die übernatürliche Sittlichkeit“. Das nachgelassene Fragment trug keinen Titel; „Der Odem des Lebens“ schien mir seinen Inhalt am treffendsten zu kennzeichnen. Sein erstes Kapitel trägt den Vermerk „Pfingsten 1972″. Am zweiten Kapitel arbeitete der Verfasser unmittelbar vor seinem Tode, der ihn ereilte, als er im Begriff war, das Erlebnis des Sonnenaufganges mit dem Wirken des Heiligen Geistes in Beziehung zu setzen. Die Schrift „Die Verkündung auf dem Sinai“ war sein vorletztes Werk, sie trägt das Datum „Mai 1972“. Die Schrift „Dein Reich komme” entstand zwischen dem 1. Februar und dem 10, April 1967. Das Manuskript „Lazarus” ist nicht datiert, ist jedoch mit Gewissheit in der zweiten Hälfte der 60er Jahre entstanden. Wir haben es an die erste Stelle gesetzt, nicht nur weil es das bedeutendste der vier Manuskripte ist und allen vieren seinen Namen geben soll, sondern auch weil sich die Einleitung zu dieser Schrift als Einleitung zum Gesamtwerk eignet.

Ich danke dem Verleger und seinen Mitarbeitern für die unbeirrbare Geduld und den engagierten Einsatz, mit dem sie das Erscheinen des Werkes möglich gemacht haben.

Köln, Pfingsten 1995 Martin Kriele

Für viele gilt er als ein Erleuchteter: der Mystiker Valentin Tomberg

Schon früh trat er in die Anthroposophische Gesellschaft in Tallin ein und wurde bald ihr Leiter. Doch je mehr er Christus und die Bibel in den Mittelpunkt seiner geisteswissenschaftlichen Forschungen und philosophischen Betrachtungen stellte, umso mehr entfernte sich die Anthroposophische Gesellschaft (Begründet Dr. Rudolf Steiner) von seinen Erkenntnissen.

Geboren 1900 schrieb Valentin Tomberg sein für ihn wichtigstes Buch „Die großen Arcana des Tarot“ erst in den 60er Jahren. Es wurde zum Klassiker der Esoterik. Die 22 Kapitel, die er selbst als Meditationen bezeichnet, lesen sich wie Briefe an einen unbekannten Freund. Dabei wird die Symbolik der Tarot-Karten zum Sprungbrett für eine tiefgreifende Erörterung der Aspekte des christlichen geistlichen Lebens und Wachstums. Das meditative Lesen ist genauso in der Wissenschaft wie im christlichen Glauben verwurzelt und führt zur Erkenntnis, worum es sich bei der christlichen Hermetik handelt. Mehr zum Buch erfahren Sie hier: „Anonymus d`outre tombe“: DIE GROSSEN ARCANA DES TAROT ist eine Schule des Sehens“ so bezeichnet Valentin Tomberg seine 22 Betrachtungen des Tarot als 22 Briefe an den unbekannten Freund. „Die Meditationen über die „Großen Arcana des Tarot“ sind Briefe an den Unbekannten Freund“.

Aber warum wird auf dem Buchcover seines Hauptwerks Anonymus d’outre tombe und nicht Valentin Tomberg als Autor angegeben? Dies geht auf einen Wunsch Tombergs zurück. Sein großes Werk, seine Lebensschule, sollte erst nach seinem Tod anonym veröffentlicht werden. So wollte Valentin Tomberg sicherstellen, dass die Meditationen aus „Die großen Arcana des Tarot“ ganz für sich selbst sprechen und so ihre zeitlose Weisheit vollständig entfalten können.

Am 27. Februar 1900 wurde Valentin Tomberg als Sohn estnischer Eltern in Sankt Petersburg, Russland, geboren und evangelisch-lutherisch getauft. Sein Vater Arnold Tomberg, ein Beamter des Innenministeriums schwedischer Abstammung, ermöglichte ihm den Besuch der Petrischule, einer renommierten Petersburger Lehranstalt mit humanistischer Ausrichtung. Er kam dort in den Genuss einer exzellenten Schulbildung, lernte früh Latein, Griechisch und Deutsch, später auch Englisch und Französisch. Im Alter von 14 Jahren wurde der junge Tomberg in seiner evangelischen Heimatgemeinde konfirmiert, begann aber bald, sich auch mit anderen geistigen und religiösen Strömungen auseinanderzusetzen. So beschäftigte er sich mit dem Gedankengut der russisch-orthodoxen Kirche und machte Bekanntschaft mit den Schriften Rudolf Steiners, des Begründers der Anthroposophie. Fortan war er ein glühender Anhänger Steiners und seines geisteswissenschaftlichen Werks.

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Schule immatrikulierte sich Tomberg 1917 an der Universität von Sankt Petersburg. Die Oktoberrevolution brach aus und verbreitete sich von Petersburg über Moskau bis hinein ins russische Hinterland. In einem mehrjährigen Bürgerkrieg kämpften revolutionäre Rotgardisten gegen zarentreue Weißgardisten. Valentin Tomberg flüchtete 1919 vor den Kriegswirren ins Heimatland seiner Eltern, nach Estland. Seine Mutter Juliana, die ihn auf seiner Flucht begleitete, wurde unterwegs von Rotgardisten getötet: für den Sohn ein erschütterndes und einschneidendes Erlebnis. In Estland angekommen, finanzierte er seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten und beschäftigte sich im Abendstudium mit Religion, Philosophie und verschiedenen Sprachen. Außerdem arbeitete er für den Tallinner Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft, wurde 1926 mit Leitungsaufgaben betraut und veröffentlichte ab den frühen 1930er Jahren regelmäßig Aufsätze in anthroposophischen Zeitschriften. Mit Marie Steiner, der Witwe Rudolf Steiners, stand Tomberg in persönlichem Kontakt. 1933 heiratete er Maria Belozwetow, die seit einigen Jahren seine enge Mitarbeiterin und Vertraute war. Am 31. August 1933 kam ihr Sohn Alex zur Welt.

Auch beruflich konsolidierte sich Tomberg: Aus dem Gelegenheitsarbeiter wurde ein Sekretär des estnischen Außenministers. 1923 trat er in den Dienst des estnischen Post- und Telegrafenamtes, wo ihm später, nach Bestehen der juristischen Staatsprüfung, der Direktorposten des internationalen Telefondienstes zugewiesen wurde. 1938 bot ihm sein ehemaliger Arbeitgeber, das Außenministerium, die Geschäftsführung des neueingerichteten estnischen Konsulats in Amsterdam an. Tomberg akzeptierte und siedelte noch im gleichen Jahr mit Frau und Kind in die Niederlande über. Die Tätigkeit in Amsterdam sollte jedoch nicht von langer Dauer sein. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung des Baltikums durch sowjetische Truppen im Jahre 1940 hörte Estland auf, als unabhängiger Staat zu existieren. Die Familie Tomberg wurde staatenlos, Valentin Tomberg arbeitslos.

Professor Ernst von Hippel, ein namhafter Rechtswissenschaftler an der Universität Köln, der Tomberg schon seit längerem freundschaftlich verbunden war, erfuhr von den Existenznöten seines Freundes und bemühte sich, für diesen in Köln eine Arbeitserlaubnis zu erwirken. Im Februar 1944 konnte Tomberg schließlich mit amtlicher Genehmigung nach Deutschland übersiedeln, um als „Aushilfsangestellter“ beim Kriegsschädenamt der Stadt Köln eine Stelle anzutreten. Gleichzeitig wurde Valentin Tomberg auf Betreiben von Hippel als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Völkerrecht der Universität Köln eingestellt. Dort promovierte er im November 1944 zum Doktor der Rechte mit einer Arbeit, die den Titel trug „Degeneration und Regeneration der Rechtswissenschaft“. Im Hause der Familie Hippel in Bad Godesberg fanden die Tombergs ebenso wie andere befreundete Flüchtlinge freundliche Aufnahme.

Das Kriegsende 1945 und der Einmarsch alliierter Truppen in Köln brachte neue Aufgaben für Valentin Tomberg. Auffanglager für DPs (displaced persons) wurden eingerichtet mit dem Ziel, ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aufzunehmen und die Heimkehr ins jeweilige Heimatland zu organisieren. Aufgrund seiner umfangreichen Fremdsprachenkenntnisse – er sprach Russisch, Estnisch, Lettisch, Holländisch, Englisch, Französisch und Deutsch – wurde Valentin Tomberg im Juni 1945 von den britischen Befehlshabern als Dolmetscher verpflichtet und im DP-Lager Köln-Ossendorf eingesetzt.

In Mülheim an der Ruhr wurde Valentin Tomberg wie schon zuvor in Köln als Dolmetscher für die osteuropäischen Insassen der DP-Lager eingesetzt. Dabei arbeitete er intensiv zusammen mit Francis Collin, einem Offizier der britischen Royal Army. Als ausländischer Akademiker in Diensten der britischen Streitkräfte erhielt Tomberg den Rang eines Offiziers sowie eine entsprechende Uniform. Beides kennzeichnete ihn nach außen hin als Engländer, auch wenn er eigentlich Este und nach der sowjetischen Annexion seines Heimatlandes staatenlos war. Von den Mülheimern wurde er jedoch als britischer Offizier wahrgenommen und dementsprechend mit respektvoller Distanz behandelt. Als Unterkunft diente den Tombergs ein konfisziertes Haus in der Weißenburger Straße 17, was ihnen wegen der Ausquartierung der deutschen Eigentümer äußerst unangenehm war.

Zu den seelischen Belastungen, die seine Arbeit mit sich brachte, kamen ganz praktische Nöte hinzu. Die deutsche Bevölkerung litt unter den Auswirkungen des verlorenen Krieges; die Ernährungslage war zeitweilig dramatisch. Trotz Unterstützung durch die britische Besatzungsmacht litten auch die Tombergs unter den Versorgungsengpässen – bisweilen nicht ganz unverschuldet, da insbesondere Valentin Tomberg nicht selten für die notleidenden Insassen der DP-Lager buchstäblich sein letztes Hemd opferte. Die Tochter seines Freundes Ernst von Hippel wohnte mittlerweile im Hause Tomberg und trug durch den Verkauf von Büchern aus ihrem Privatbesitz dazu bei, dass die Familie auf dem Schwarzmarkt das Notwendigste kaufen konnte.

Da Tomberg neben Russisch auch schon früh die deutsche Sprache erlernt hatte und diese hervorragend beherrschte, übernahm er für den stellvertretenden Mülheimer Stadtkommandanten William („Billy“) Reynolds Dolmetscheraufgaben. Zudem sollte Tomberg auf Wunsch von Reynolds in die Umerziehungsmaßnahmen der Engländer, die sogenannte „reeducation“, miteinbezogen werden. Diese Maßnahmen zielten auf die demokratische Neuorientierung („reorientation“) der deutschen Bevölkerung und bezogen sich somit im Wesentlichen auf das Schul- und Bildungswesen. Geplant war in Mülheim die Einführung von sogenannten „Hochschulkursen“ sowie die Wiederbelebung der 1919 gegründeten Volkshochschule.

Tomberg wurde mit dieser Aufgabe beauftragt. Er stimmte seine Ideen mit Reynolds ab und erhielt darüber hinaus Unterstützung von zwei weiteren Mitstreitern: William („Bill“) Roach und Edwin Hasenjaeger. Major Bill Roach, der Mülheimer Kulturbeauftragte der britischen Militärregierung, gehörte zu den Befreiern des Konzentrationslagers Bergen-Belsen und hatte somit die katastrophalen Auswirkungen der nationalsozialistischen Ideologie hautnah erlebt. Jetzt bekam er die Gelegenheit, an der „reeducation“ der Deutschen mitzuwirken und den Boden zu bereiten für eine demokratische Gesellschaft. Der zweite Mitstreiter Tombergs war der Mülheimer Oberbürgermeister Edwin Hasenjaeger, der nach einer kurzen Phase der Internierung von den Alliierten als unbelastet eingestuft und wieder ins Amt eingesetzt worden war. Noch vor dem Krieg hatte Hasenjaeger eine wissenschaftliche Vortragsreihe ins Leben gerufen, zu der er namhafte Geistesgrößen wie Werner Heisenberg, Max Planck oder Carl Friedrich von Weizsäcker nach Mülheim eingeladen hatte. Seine Kontakte zu den Professoren der unterschiedlichsten Fachrichtungen hatte er auch während des Krieges in einem regelmäßigen Briefwechsel gepflegt. Bei der Gewinnung von Referenten sollten sich diese Verbindungen für Tomberg bald als äußerst nützlich erweisen.

Im März 1946 begannen die geplanten Hochschulkurse mit dem Ziel, den Mülheimern Begriffe wie Demokratie und Völkerrecht näherzubringen. Tomberg beschloss, selbst eine Vortragsreihe zum Völkerrecht anzubieten. Seine Antrittsvorlesung mit dem Titel „Begriff, Idee und Ideal des Völkerrechts“ hielt er am 19. März im Saal des Josefshauses an der Dimbeck. Als ein weiterer Dozent wurde von der Universität Köln der Tomberg-Freund und Völkerrechtler Professor Ernst von Hippel verpflichtet, der eine Serie von insgesamt 12 Vorträgen über die Verfassungen und den Staatsgedanken der drei westlichen Demokratien (England, Frankreich, Vereinigte Staaten) anbot.

Der Mülheimer Oberbürgermeister Hasenjaeger bemühte sich, eine Vortragsreihe mit naturwissenschaftlichen Themen unter Einbindung des bekannten Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker zu organisieren, musste jedoch feststellen, dass die Militärregierung eine derartige inhaltliche Ausrichtung nicht wünschte. Der Einladung an den Münsteraner Religionsphilosophen Professor Heinrich Scholz – ein guter Freund Hasenjaegers – stand man dagegen wohlwollend gegenüber. Als Hasenjaeger Ende April auf eigenen Wunsch aus dem Amt des Oberbürgermeisters ausschied, brachte er die zusammen mit Tomberg geplanten Vortragsveranstaltungen noch zum Abschluss. So begrüßten beide am 29. April den evangelischen Landesbischof Stählin als Gastredner in Mülheim und am 3. Juli Professor Carl Friedrich von Weizsäcker, trotz des ursprünglichen Widerstands von britischer Seite. Das Ausscheiden Hasenjaegers und das Wegbrechen der von ihm initiierten Kontakte erschwerten die weitere Arbeit Tombergs erheblich.

Parallel zu den Hochschulkursen kam es am 24. Juni 1946 zur Wiederbegründung der Mülheimer Volkshochschule. Arbeitsvorgaben und Festlegung der Ziele lagen beim Kulturbeauftragten der Militärregierung Major Bill Roach, Organisation und Durchführung dagegen bei Valentin Tomberg. Das Spektrum der angebotenen Kurse war breitgefächert: Kunst, Literatur, Psychologie, Religion, Philosophie, Geschichte, Recht, Naturwissenschaften, Fremdsprachen. Tomberg selbst bot zunächst eine Einführung in Goethes „Faust“ an, in einem späteren Trimester dann eine Vortragsreihe über Dostojewskis „Brüder Karamasow“. Neben der Suche nach geeigneten Themen und Referenten oblag ihm auch die Verwaltung der Volkshochschule. Letzteres war für den zurückhaltenden, sehr vergeistigten und etwas weltfremden Tomberg eine unangenehme Pflicht, die er nur sehr eingeschränkt erfüllte. Tombergs Wirken in Mülheim machte ihn über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und brachte ihm zunehmend Vortragsanfragen aus anderen Städten ein. Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) in Aachen bot ihm im Herbst 1946 sogar einen Lehrauftrag für „Ethik und Recht“ an.

Mit Pfarrer Heinrichsbauer, der die für Tombergs Wohnbezirk zuständige Gemeinde Sankt Marien leitete, verband ihn eine tiefe Freundschaft. Tombergs bereits 1942 erfolgter Übertritt zum Katholizismus ließ ihn vermutlich des öfteren das Gespräch mit dem hochgebildeten und von ihm hochgeschätzten Geistlichen suchen. In das katholische Gemeindeleben integrierte sich Tomberg jedoch aufgrund seiner stark introvertiert orientierten Persönlichkeit nicht.

Im März 1948 entschied sich Valentin Tomberg überraschend, Deutschland den Rücken zu kehren und nach England zu gehen. Die Gründe für seine Entscheidung sind nicht ganz klar. Womöglich erschien Tomberg die Kluft zwischen Einheimischen und Ausländern in Deutschland zu groß. Er befürchtete wohl, als Nicht-Deutscher keine Chance auf eine feste Anstellung zu haben, wenn die britische Besatzungsmacht eines Tages nicht mehr präsent wäre. Die Aussicht auf eine Hochschulkarriere wäre für einen Staatenlosen in britischen Diensten gegenüber den zurückflutenden deutschen Kriegsheimkehrern vermutlich nicht die beste gewesen. Auch die bevorstehende Ablösung seiner beiden größten Förderer auf britischer Seite, Major William Roach und Major William Reynolds, könnte eine Rolle gespielt haben. Darüber hinaus wollte er für seinen Sohn Alex eine optimale Schulbildung, die er dem deutschen Bildungssystem, das sich nach dem Ende des Nationalsozialismus in einer Phase der Neuorientierung befand, nicht zutraute.

Am 22. Juli 1948 siedelte Tomberg nach London über und bekam eine Übersetzerstelle bei der BBC. Sein Sohn Alex besuchte eine britische Schule, machte seinen Abschluss und nahm 1952 ein Studium in Cambridge auf. Im gleichen Jahr erhielt das bis dahin immer noch staatenlose Ehepaar Tomberg die britische Staatsbürgerschaft. 1962 wurde Valentin Tomberg offiziell pensioniert, stellte seine Arbeitskraft der BBC aber noch zwei weitere Jahre zur Verfügung. Vortrags- und Privatreisen führten ihn immer wieder nach Deutschland. Während eines Urlaubsaufenthalts auf Mallorca Anfang 1973 erlitt Valentin Tomberg eine Gehirnembolie und verstarb wenige Tage später am 24. Februar 1973.